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Multimodales Lesen

Digitale Medien verändern nicht nur die Art und Weise, wie Informationen bereitgestellt werden, sondern auch, wie gelesen, verstanden und verarbeitet wird.

Lesen am Bildschirm oder auf Papier

Während analoge Texte meist linear aufgebaut sind und eine konzentrierte, kontinuierliche Lektüre fördern, zeichnen sich digitale Texte häufig durch Multimodalität, Verlinkungen, Interaktivität und eine hohe Informationsdichte aus. Lesen auf digitalen Endgeräten bedeutet deshalb mehr als das bloße Übertragen klassischer Lesekompetenz auf einen Bildschirm. Lernende müssen sich in komplexen Informationsräumen orientieren, zwischen relevanten und irrelevanten Informationen unterscheiden sowie Inhalte kritisch prüfen und bewerten können.

Grundlagen

Die Ziele, die sich in einem ausschließlich auf Buch und Schrift basierenden Unterricht realistischerweise erreichen lassen, unterscheiden sich signifikant von den Zielen, die man mit Buch, Schrift, Tablet und Internetzugang ansteuern kann. Der wahre Mehrwert digitaler Medien besteht also nicht darin, alte Ziele schneller zu erreichen, sondern völlig neue Zieldimensionen erstmals zu erschließen, die im Idealfall gesellschaftlich und individuell bedeutsam sind.“ (Leisen, S. 7)

Digitale und analoge Texte unterscheiden sich nicht nur durch den Informationsträger, sondern vor allem durch die Art des Lesens und die damit verbundenen Anforderungen. Während gedruckte Texte meist linear gelesen werden, erfordert digitales Lesen die Orientierung in komplexen, multimodalen und vernetzten Informationsräumen. Lernende müssen dabei Informationen auswählen, zwischen Texten navigieren, Quellen kritisch bewerten und unterschiedliche Medienformate miteinander verknüpfen.

Die Leseforschung zeigt, dass Texte auf Papier häufig besser verstanden werden als am Bildschirm – insbesondere unter Zeitdruck oder bei Lernenden mit geringerer Lesekompetenz. Gleichzeitig eröffnet digitales Lesen neue Möglichkeiten wie Individualisierung, Interaktivität und multimodale Zugänge. Der bloße Einsatz digitaler Geräte verbessert Lesekompetenz jedoch nicht automatisch.

Digitale Lesekompetenz muss deshalb gezielt vermittelt werden. Dazu gehören Strategien zur Navigation, Konzentration, Quellenkritik und Selbststeuerung ebenso wie metakognitive Fähigkeiten, also das bewusste Nachdenken über den eigenen Leseprozess. Schule hat die Aufgabe, Lernende auf beide Lesewelten vorzubereiten: auf vertiefendes analoges Lesen ebenso wie auf kritisches und strategisches Lesen in digitalen Umgebungen.

Lernende haben täglich – und oftmals nahezu ungefiltert – Zugriff auf diverse digitale Quellen unterschiedlichster Herkunft. Schlagworte wie Fake News und Hetzkampagnen sind ihnen nicht unbekannt und beeinflussen ihre Handlungen. Deshalb ist es wichtig, dass sie als handlungsfähige Subjekte Verantwortung in unserer digitalen Gesellschaft übernehmen lernen und Wahrheitsgehalte kritisch hinterfragen.

Die Verwendung digitaler Endgeräte ermöglicht, dass mit einem einzigen Textmedium verbale, bildliche, statische und dynamische Informationen dargestellt werden können (Multimodalität) und damit sowohl die visuelle als auch die auditive Wahrnehmung des Menschen angesprochen werden kann (Multikodalität), (Vgl. Gold, S. 39). Eine erfolgreiche Verarbeitung von Informationen kann dabei nach Leisen nur gelingen, wenn Lernende kleinschrittig an das digitale Lesen herangeführt werden und die erforderlichen Kompetenzen entwickeln.

In diesem Zusammenhang bietet das Lernen mit digitalen Endgeräten folgende günstige Voraussetzungen:

  • Mithilfe von gezielten Leseaufträgen kann den Lernenden zunächst der Zugriff nur auf eine beschränkte Auswahl digitaler Materialien gewährt werden. 

  • Durch das unterrichtlich gesteuerte Lesen erhalten sie regelmäßig die Chance, ihre Kompetenzen im Umgang mit mehrfach vernetzten, multimodalen Texten auszubauen.

  • Dabei lernen sie, eine gezielte Auswahl aus verschiedenen authentischen Materialien zu treffen. Dadurch erscheinen Leseaufträge oftmals attraktiver.

  • Die Überprüfung des Textverständnisses kann anhand von zahlreichen unterschiedlichen digitalen Leseprodukten (Video, Comic, Buchtrailer ...) erfolgen, wodurch Lerneffekte sichtbar werden.

  • Eine neuartige Auseinandersetzung mit Texten, zum Beispiel in Form von digitalem Markieren, unmittelbarem Nachschlagen, optischen Veränderungen etc. wird möglich.

  • Es kann eine Entlastung beim Dekodieren für die Lernenden geschaffen werden, indem Texte entsprechend editiert (z. B. ausreichend große Schriftgröße, (linksbündiger) Flattersatz, ausreichender Buchstaben- sowie Zeilenabstand, usw.) und mit multimedialen Elementen angereichert werden.

  • Für den Nachteilsausgleich ergeben sich unterschiedliche assistive Funktionen wie zum Beispiel die Verwendung der Vorlesefunktion oder das Vergrößern des Schriftbildes.

  • Die Binnendifferenzierung lässt sich innerhalb einer Klasse einfacher gestalten.

  • Die digitale Textarbeit bringt neue Herausforderungen und die Notwendigkeit einer vertieften Zusammenarbeit und gemeinsamen Reflexion mit sich. Somit entstehen Kooperationen, indem beispielsweise Leseförderung fachübergreifend angegangen werden kann.

Wenn Texte digital gelesen werden, sollten die Potentiale neuer Medien zur Anreicherung und weiteren Unterstützung im Lernprozess ausgeschöpft werden. Dabei ist eine bewusste Reflexion über die Zielsetzung ebenso erforderlich wie die Tatsache, dass das digitale Lesen kleinschrittig angeleitet werden muss, damit die Gelegenheiten zum intensiven Lesen auch wirklich genutzt werden. Mit dem Bewusstsein, dass digitales Lesen mehr in die Breite und weniger in die Tiefe führt, können die Konzepte des analogen Lesens nicht einfach darauf übertragen werden. Stattdessen müssen sie neu gedacht werden.

Folgende Fragen ergeben sich daraus:

  • Wovon kann ich ausgehen und was muss dementsprechend geschult werden?

  • Welche technischen Herausforderungen gibt es?

  • Durch welche didaktischen Überlegungen kann ich den Leseprozess unterstützen?

  • Wie gelingt digitale Textarbeit in allen Fächern?

Zentrale Fragestellungen zum digitalen Leseprozess

Digitale Texte erforden neue Lesestrategien, da die Schülerinnen und Schüler lernen müssen, sich in nicht-linearen, dynamischen Textstrukturen zurechtzufinden und Informationen kritisch zu bewerten. Überdies darf auch der erweiterte Textbegriff nicht außer Acht gelassen werden. Inhalte erscheinen nicht ausschließlich in der Form des geschriebenen Wortes, Lernende müssen auch in der Lage sein, auditive und visuelle Formate wie Hörspiele, Podcasts oder Spielfilme zu „lesen“ und zu verstehen. Um diesen neuen Anforderungen gerecht zu werden, ist eine gezielte Planung digitaler Leseprozesse unerlässlich. Dabei stellen sich zunächst grundlegende didaktische Fragen wie:

Zentrale Fragestellungen:

  • In welcher Jahrgangsstufe soll gearbeitet werden? Ist der Text/ das Hörspiel/ der Film für diese Altersstufe geeignet?

  • Wie ist das Leistungsvermögen der Lerngruppe? Wie heterogen ist die Klasse in Bezug auf lesestarke und leseschwächere Schülerinnen und Schüler?

  • Passt der Text sprachlich und inhaltlich zum Lernstand?

  • Wie lang darf der (Hör-)Text/Film sein? Wie viel Lesezeit steht zur Verfügung?

  • Handelt es sich um einen statischen digitalen Text (z. B. PDF) oder wird ein dynamischer Text mit Hyperlinks, Videos oder interaktiven Elementen im Netz gelesen? Soll ein Hörtext erschlossen werden oder geht es um Filminhalte?

  • Welche Vorerfahrungen bringen die Lernenden mit (z. B. zum Umgang mit der „Tape-Funktion“, digitale Klebezettel etc.)?

Vier zentrale Ansätze für den Unterricht

Um digitales Lesen im Unterricht konkret umzusetzen, lohnt sich ein Blick auf vier zentrale Perspektiven, die unterschiedliche Zugänge zur digitalen Textarbeit eröffnen:

Impulse aus der Unterrichtspraxis

  • Leserallye durchführen

  • Digitale Text/-Bildschnipsel chronologisch ordnen

  • Unterschiedliche Hörtexte miteinander vergleichen

  • Unwesentliches digital schwärzen

  • Textschwierigkeit auswerten

  • Steckbrief anhand eines Hörtextes erstellen

  • Vorlesefunktion zum Nachteilsausgleich nutzen

  • Unterschiedliche Textformate für individuelle Auswahl zur Verfügung stellen

  • Chatsprache lesen und richtig interpretieren

     

  • Skimming und Scanning im Englischunterricht

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