III.
Ein Fehlschluss entsteht, wenn die skizzierten langfristigen Veränderungen, die mit der Digitalisierung verbunden werden, auf kurzfristige Entwicklungen heruntergebrochen werden: So wird z. B. von einem Leitmedienwechsel gesprochen und den damit zusammenhängenden epochalen Einschnitten; hieraus werden dann Wirkungsannahmen abgeleitet, die mit dem Einsatz digitaler Medien im Unterricht erwartet werden: So wird vielfach angenommen oder behauptet, der Einsatz digitaler Medien führe zu mehr Selbststeuerung und -verantwortung seitens der Lernenden, er bewirke einen motivierenderen Unterricht mit höherer Wirksamkeit und wird zu einer veränderten Rolle der Lehrperson führen.
Auch wenn epochale Einschnitte im Kontext der Digitalisierung beobachtet oder zumindest werden, so bleibt die Verfügbarkeit digitaler Technik in Bildungskontexten in einer Situation oftmals erstaunlich „wirkungsarm“. Dies liegt daran, dass überlernte soziale Handlungspraxen mit neuen Techniken fortgeführt werden. Es gibt für die Personen in der Konfrontation mit der digitalen Technik zunächst keinen erkennbaren Grund, ein Verhalten zu ändern, welches sie vielfach über Jahrzehnte aufgebaut und in der Bewältigung von Umweltanforderungen bislang erfolgreich praktiziert haben. Dies gilt gleichermaßen und ganz besonders für das Lernen und Lehren, das wir regelmäßig über die Lebensspanne stabilisiert haben.
Damit stellt sich die Frage: Inwieweit „bewirkt“ digitale Technik Veränderungen sozialer Praxen in der Bildung? Führt die digitale Technik zu motivierteren Schülerinnen und Schülern, zu besseren Lernleistungen und neuen Lehr-Lern-Arrangements? Aus bisherigen Untersuchungen in verschiedenen Bildungssektoren ist deutlich geworden (vgl. Kerres, 2018): Die digitale Technik führt gerade nicht unweigerlich zu dieser oder jener – positiven oder negativen – Veränderungen in der Bildung, was sowohl die überschwänglichen Befürworter wie auch die technikkritischen Skeptiker enttäuschen muss. Ein solcher Technikdeterminismus würde verkennen, dass es auf die Akteure ankommt, um Veränderungen in der Bildungsarbeit und einen Wandel in der Lernkultur herbeizuführen.
Angesichts der überwältigenden Zahl der vorliegenden Einzelstudien zu Effekten der digitalen Medien auf das Lernen, die in den letzten drei Jahrzehnten hierzu durchgeführt worden sind, werden heute Meta-Analysen herangezogen, die auf der Grundlage statistischer Verfahren die vielen Studienergebnisse aggregieren. Mittlerweile liegen bereits Meta-Metaanalysen solcher Auswertungen vor (vgl. Tamim, Bernard, Borokhovski, Abrami, & Schmid, 2011). Sie zeigen seit der ersten Meta-Analyse des Ehepaars Kulik aus dem Jahr 1980 erstaunlich beständig − und damit ganz unabhängig von der technologischen Entwicklung − einen vergleichsweise kleinen Effekt des Einsatzes digitaler Medien auf Lernerfolge. Diese ernüchternde Feststellung lässt sich aus den vielen vorliegenden, wissenschaftlichen Studien zu den jeweils „neuen“ digitalen Medien der letzten Jahrzehnte ableiten.
Auf der Grundlage vorliegender Auswertungen und Erfahrungen erscheint es damit sogar eher plausibel anzunehmen, dass digitalen Medien und Werkzeuge in einem Klassenraum zunächst keinen Effekt darauf haben, wie sich Unterricht organisiert und gestaltet. Ebenfalls können wir davon ausgehen, dass die Medien auch keinen direkten Effekt auf die Lernintensität und sich auch nicht positiv oder negativ auf Lernerfolg auswirken. Es bleibt festzuhalten: Digitale Medien machen das Lehren und Lernen nicht a priori besser.
Wenn die Medien auch nicht zu „besseren“ Lernergebnissen führen, so haben sie aus mediendidaktischer Sicht das Potenzial, Lehr- und Lernprozesse anders zu gestalten und zu organisieren. Dieses Potenzial für die Bildung verweist auf die Verantwortung der Stakeholder in den Bildungsinstitutionen (vgl. Kerres, 2018):
Mediengestützte Lernarrangements können die Selbststeuerung beim Lernen unterstützen.
Mediengestützte Lernarrangements können kooperative Lernszenarien wesentlich befördern und Lernangebote flexibel organisieren, um der Vielfalt der Lernenden entgegen zu kommen.
Mediengestützte Lernarrangements können handlungs- und problemorientierte didaktische Methoden stärken, indem u.a.
a) authentische Materialien eingebunden werden und
b) Lernprozesse in der (inter-)aktiven Auseinandersetzung mit medial präsentierten Inhalten intensiviert und
c) in der aktiven Arbeit mit digitalen Artefakten, etwa in Projektarbeiten und bei der kooperativen Bearbeitung von Fällen, angeregt werden.
Ein solches „anderes Lernen“ ist im Übrigen auch mit anderen Lernergebnissen verbunden: Wir erhoffen uns von dem Einsatz der digitalen Medien in solchen Lernarrangements nicht einfach einen (eben eher selten eintretenden) höheren Lernerfolg, sie unterstützen „andere Lernziele“ – jenseits der (in den meisten Studien fokussierten) Behaltensleistung. Sie bebefördern etwa Problemlösefertigkeiten, Lerntransfer oder Selbstlernkompetenz und Teamfähigkeiten.
Durch die selbstverständliche Nutzung und Verbreitung der digitalen Technik im Alltag, können wir davon ausgehen, dass diese auch zunehmend in den schulischen Lernwelten und beim informellen Lernen in der Freizeit Einsatz finden werden. Wenn wir die digitale Technik jedoch nutzen wollen, um Unterricht und das Lernen anders zu gestalten, bedarf dies einer gesellschaftlichen Verständigung. Kollegien in Schulen und Hochschulen, betriebliche Bildungsabteilungen und Bildungsanbieter müssen sich dazu überlegen, welche Ziele sie mit dem Einsatz der digitalen Technik verbinden möchten und wie sie Bildung gestalten wollen, um gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen.
Hieraus ergibt sich auch, dass wir die Frage hinter uns lassen sollten, ob wir „das Digitale“ oder „das Analoge“ wollen. Damit unterschätzen wir, wie sehr sich „das Digitale“ bereits in unserer Lebenswelt eingenistet hat, ohne dass wir diese Implikationen hinreichend reflektieren. Manchen Unternehmen mag dies entgegenkommen.
Aus gesellschaftlicher Sicht ist es jedoch wichtig, die Digitalisierung als zentrales Gestaltungsfeld und Gegenstand von gesellschaftlichem Diskurs zu beanspruchen. Es gilt dann, über Optionen zu sprechen, über rechtliche Rahmungen, über gesellschaftliche Ziele, gerade im Bildungssektor, und wie wir diese einlösen können. Klar erscheint auch, dass dazu ganz neue Wege zu erproben sind, die sich auch jenseits der heutigen institutionellen Pfade bewegen sollten und werden.