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Rolle der KI als vorgelagerte Feedbackinstanz im Schreibprozess

Überblick über die Unterrichtseinheit

Das vorliegende Beispiel veranschaulicht, wie KI-gestützte Rückmeldesysteme als integrativer Bestandteil eines mehrstufigen Schreibprozesses eingesetzt werden können, bevor eine abschließende Bewertung durch die Lehrkraft erfolgt. Die Lernenden generieren zunächst KI-basiertes Feedback, nutzen dieses zur gezielten Überarbeitung ihres Textes und reichen erst anschließend eine revidierte Fassung zur finalen Korrektur ein.

Ein solches Vorgehen unterstützt die Entwicklung selbstregulativer Kompetenzen, indem es die Lernenden dazu anleitet, Stärken und Schwächen ihrer Texte systematisch zu identifizieren und diese auf Grundlage der Rückmeldungen eigenständig zu bearbeiten. Der Schreibprozess wird dadurch nicht nur transparent gemacht, sondern auch als zyklischer Lernprozess erfahrbar, in dem Reflexion und Überarbeitung zentrale Funktionen einnehmen.

Schritt 1: Selbstständiges Verfassen der Textproduktion mit obligatorischer „after-writing-task“

Die Lernenden verfassen den Übungstext zunächst eigenständig und ohne den Einsatz von KI, beispielsweise klassisch auf analogem Papier. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass der Text anschließend nicht unmittelbar zur Korrektur bei der Lehrkraft eingereicht wird. Stattdessen folgt ein zusätzlicher Schritt im Sinne einer „After-Writing“-Phase: eine Vor-Korrektur mithilfe von KI.

Schritt 2: KI-Feedback und Rückfragen an die KI

Nach dem (analogen) Verfassen der Textproduktion erhalten die Lernenden einen Link oder QR-Code, der sie direkt zu einem von der Lehrkraft eigens für die jeweilige Aufgabe angepassten Chatbot führt. Dieser fordert sie zunächst dazu auf, ihren Text einzufügen. Anschließend gibt die KI Rückmeldung zu zuvor definierten Kriterien, etwa zur Sprache – untergliedert in Wortschatz, Satzbau, Grammatik und Verständlichkeit – sowie zum Inhalt in Bezug auf Struktur und Überzeugungskraft.

Damit die Schülerinnen und Schüler möglichst wertvolles Feedback erhalten, muss ihnen bewusst werden, dass der KI-Chatbot als Gesprächspartner fungiert, dem man auch Rückfragen stellen kann. Mit einer recht generellen Rückmeldung wie „Variiere deinen Satzbau“ können die meisten Lernenden wenig anfangen. Wenn sie aber zum Beispiel konkret nachfragen, an welchen Stellen sie wie den Satzbau variieren können, ist das viel hilfreicher.

Auszug aus einer Konversation mit einem KI-Assistenten

Im Folgenden wird eine beispielhafte Konversation mit einer KI dargestellt. Der Dialog verläuft in beide Richtungen: Der Schüler stellt bei Unklarheiten gezielt Rückfragen, sodass ein interaktiver Austausch entsteht.

  • Der Lernende fügt seinen Text ein. Das KI-System kann daraufhin ein detailliertes Feedback geben, da im Hintergrund entsprechendes Fach- und Hintergrundwissen hinterlegt ist. Es zeigt auf, welche Inhalte bereits vorhanden sind und welche Aspekte noch fehlen.
  • Ergänzend gibt das KI-System Hinweise zur Struktur und macht Vorschläge für die nächsten Schritte. Konkret empfiehlt es, fehlende Inhalte zu ergänzen, die Gliederung zu verbessern und den Text in klarere Absätze zu unterteilen.
  • Der Lernende kann Rückfragen stellen und das KI-System auffordern, konkrete Stellen im Text zu markieren, an denen etwas ergänzt oder überarbeitet werden soll.
  • Am Ende fasst das KI-System alle wichtigen Punkte zusammen und bietet an, nach der Überarbeitung erneut Feedback zu Sprache und Stil zu geben.
  • Auch dabei erhält der Lernende konkrete Verbesserungsvorschläge.
  • Anschließend überarbeitet der Schüler den Text selbstständig und trägt seine eigenen Verbesserungen vor der Abgabe in grüner Schrift ein, bevor er ihn der Lehrkraft vorlegt.

Schritt 3: Überarbeitung und Weiterarbeit

Auf Grundlage dieses Feedbacks werden die Lernenden von der KI dazu angeleitet, Korrekturen und Verbesserungsvorschläge mit einem Farbstift in ihren handgeschriebenen Text zu übertragen. Damit übernehmen sie einen Arbeitsschritt, der im konventionellen Vorgehen der Lehrkraft zukommt. Erfolgt diese Überarbeitung eigenständig unter Anleitung der KI, ist der Lerneffekt erhöht, da die Lernenden ihren gesamten Text erneut reflektieren müssen und eine deutlich aktivere Rolle einnehmen als beim rein passiven Lesen einer Lehrerkorrektur. Erst im Anschluss wird der bereits überarbeitete Text bei der Lehrkraft zur zweiten Feedbackrunde eingereicht.

Schritt 4: Feedback durch die Lehrkraft

Die abschließende Korrektur durch die Lehrkraft erfolgt in rot und wird durch gezielte Anmerkungen ergänzt.

Auch für die Lehrkraft ergeben sich deutliche Vorteile: Es werden erhebliche zeitliche Ressourcen eingespart, da im Idealfall grobe sprachliche Fehler bereits behoben und inhaltliche Lücken geschlossen sind. Die Lehrkraft kann sich folglich auf eine abschließende, vertiefende Einschätzung konzentrieren. Um transparent zu machen, welche Textteile von den Lernenden selbst überarbeitet wurden und welche auf KI-Unterstützung zurückgehen, werden unterschiedliche Farben verwendet.

Schritt 5: Überarbeitung und ggf. summatives Feedback – Feedback geben und Feedback (an)nehmen

Eine wirksame Feedbackkultur, in der Rückmeldungen nicht den Endpunkt, sondern den Ausgangspunkt weiterer Überarbeitung bilden, muss konsequent aufgebaut und nachhaltig etabliert werden, um ihre volle Wirkung entfalten zu können.

Die Qualität und der Nutzen des KI-Feedbacks hängen maßgeblich davon ab, inwieweit die Lernenden dieses Feedback auch aktiv annehmen und verarbeiten. Ein oberflächlicher Umgang mit der KI führt zwangsläufig zu oberflächlichen Ergebnissen. Umso entscheidender ist die motivierende und steuernde Rolle der Lehrkraft: Sie muss das Bewusstsein dafür schärfen, dass die Arbeit mit der KI einen wichtigen Schritt hin zu mehr Selbstständigkeit und Autonomie der Lernenden darstellt und dass ein reflektierter Umgang mit KI ein hohes Lernpotenzial birgt.

Tipps für die konkrete praktische Umsetzung

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, KI zu diesem Zwecke einzusetzen. Neben Anwendungen, bei denen die Lehrkraft bestimmte Kriterien für eine Schreibaufgabe hinterlegen kann und wo die Lernenden ihre Texte im Anschluss direkt hochladen, um Feedback einzuholen, gibt es auch die Möglichkeit, einen KI-Assistenten zu generieren, mit welchem die Schülerinnen und Schüler in den Dialog treten können. Es hat sich gezeigt, dass die Rückmeldungen dann weniger allgemein und sehr konkret formuliert sein können.

Damit die Lernenden Schritt für Schritt durch die Überarbeitung des eigenen Textes geführt werden, sollte im Vorfeld ein Chatbot dafür konfiguriert werden, dessen QR-Code dann zur Verfügung gestellt wird.

Entweder die Lehrkraft entscheidet sich für einen allgemeineren Bot, welcher für Textproduktionen verschiedener Art immer wieder verwendet werden kann, oder für einen auf die Aufgabe zugeschnittenen, sehr spezifischen (s. Beispiel mit telli). Der Chatbot lässt sich so konfigurieren, dass er die Schülerinnen und Schüler schrittweise durch den Arbeitsprozess führt. So können sie beispielsweise explizit dazu aufgefordert werden, einen grünen Stift zu verwenden und ausgewählte Korrekturen oder Ergänzungen in ihren handgeschriebenen Ausgangstext zu übertragen.

 Folgende Schritte sollte der Chatbot anleiten:

  • ggf. Nachfrage nach der konkreten Aufgabenstellung

  • Aufforderung, den selbst geschriebenen Text hochzuladen

  • Rückmeldung zu Inhalt

  • Rückmeldung zu Sprache (mit konkreten Verbesserungsvorschlägen)

  • Aufforderung, die Verbesserungsvorschläge in den selbstgeschriebenen Text per Hand zu übertragen (z.B. mit grünem Stift)

Chatbot für Mediation Englisch:

Du bist eine Englischlehrerkraft, und ich dein Schüler der 9. Jahrgangsstufe (5. Lernjahr Englisch). Mein Arbeitsauftrag war es, einen deutschen Text sinngemäß ins Englische zu übertragen, mit folgender Aufgabe:

„Ich habe kürzlich bei einem Festival Luke aus Australien kennengelernt. Seitdem schreiben wir uns öfter. Im Internet habe ich einen deutschen Artikel gefunden und ich möchte wissen, ob die Regeln und Tipps, die darin für Gespräche, Freizeitaktivitäten und Körpersprache genannt werden, tatsächlich zutreffen. Ich soll nun Luke schreiben, der kein Deutsch versteht, und nachfragen. Die Infos zum deutschen Text lade ich für dich hoch (unter ”Hintergrundwissen").

Fordere mich bitte auf Englisch auf, meinen selbst geschriebenen Text hier reinzukopieren. Du sollst mir dann Feedback zu meinem Text geben, zuerst inhaltlich: Habe ich alle Aspekte des deutschen Textes berücksichtigt und über Regeln und Tipps für Gespräche, Freizeitaktivitäten und Körpersprache geschrieben? Ist mein Text sinnvoll strukturiert? Sei so spezifisch wie möglich: was genau fehlt, welche Aspekte des deutschen Textes müssen noch erwähnt werden?

Fordere mich auf, dein inhaltliches Feedback in meinen Text handschriftlich zu übertragen / zu ergänzen. Sag, dass du mir, sobald das erledigt ist, auch sprachliches Feedback geben wirst. (GER-Sprachniveau B1+).

Das Erstellen geeigneter Prompts für solche Chatbots ist zunächst anspruchsvoll, insbesondere wenn sehr konkrete Vorstellungen darüber bestehen, welche Funktionen dieser erfüllen soll. Liegt jedoch bereits ein erprobter Prompt vor, der für eine bestimmte Aufgabenstellung funktioniert, kann dieser problemlos kopiert und an andere Kontexte angepasst werden.

Darüber hinaus stehen inzwischen auch spezielle Chatbots für Lehrkräfte zur Verfügung, die gezielt bei der Entwicklung passender Prompts unterstützen.

Ideen für Hintergrundwissen, auf welches die Chatbots Zugriff haben:

  • Kriterienraster des ISB für die entsprechende Stufe des GER

  • genaue Aufgabenstellung

  • bei Mediation: deutscher Ausgangstext

  • bei Fragen zum Text in der Oberstufe englischer Ausgangstext

  • Liste mit bekannten Möglichkeiten der Satzverknüpfung

  • Liste mit bekanntem themenspezifischen Vokabular

  • Liste mit bekannten Zeiten und sonstigen grammatikalischen Strukturen

  • Skills-pages zum Verfassen eines comment etc.

  • Erwartungshorizont bzgl. Bestimmter Inhalte / interkulturellem Wissen

Stolpersteine

  • Da die von der Schule zur Verfügung gestellten KI-Tools, wie z. B. die ByCS-KI, aus Datenschutzgründen nicht über eine Handschrifterkennung verfügen, kann es erforderlich sein, dass die Lernenden ihren Text zunächst abtippen müssen.

  • Zudem fällt die Rückmeldung der KI mitunter sehr allgemein aus, etwa in Form von Hinweisen wie „Variiere deinen Satzbau“, ohne konkrete Verbesserungsvorschläge für einzelne Sätze zu liefern. Um diesem Umstand zu begegnen, sollte bei den Lernenden gezielt das Bewusstsein dafür geschärft werden, dass die KI als dialogischer Gesprächspartner genutzt werden kann und Rückfragen ausdrücklich möglich sind. So können sie beispielsweise um konkrete Überarbeitungsvorschläge für bestimmte Sätze bitten. Aus der allgemeinen Rückmeldung „Variiere deinen Satzbau“ wird so eine präzisere Handlungsanweisung, etwa: „Verwende statt because eine Partizipialkonstruktion, z. B. wird anstatt ‚I stayed at home because I was feeling sick‘ der folgende Vorschlag gegeben: Feeling sick, I stayed at home.

  • Häufig nutzen Lernende die von der Lehrkraft bereitgestellten QR-Codes nicht und greifen stattdessen auf eine eigene, private KI zurück. Daher sollte von Beginn an darauf hingewiesen werden, dass die zur Verfügung gestellte KI einen speziell für die jeweilige Aufgabe vorbereiteten Chatbot enthält, der über entsprechendes Hintergrundwissen sowie gezielte Anweisungen verfügt.

  • Um bei den Lernenden die Gewohnheit zu fördern, KI grundsätzlich als Unterstützung zu nutzen – auch bei der Überarbeitung und dem Feinschliff kürzerer Texte –, kann zusätzlich ein allgemeiner Chatbot eingerichtet werden. Dieser steht der Klasse dauerhaft zur Verfügung und benötigt kein aufgabenspezifisches Hintergrundwissen. Stattdessen begleitet er den Arbeitsprozess und gibt gezielte Impulse zur Verbesserung von Sprache, Stil, Struktur und Überzeugungskraft.

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