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Selbst- und Fremdeinschätzung im Kontext der Schulaufgabenvorbereitung

Im Rahmen der Vorbereitung auf Schulaufgaben stellen Lehrkräfte häufig Checklisten, Kriterienkataloge oder Kompetenzraster zur Verfügung, die festlegen, welche Inhalte und Kompetenzen für die Prüfung relevant sind. Während diese Übersichten eine solide Orientierung über die fachlichen Anforderungen bieten, fokussieren sie primär auf das „Was“.

Um den Lernprozess individualisieren zu können, bedarf es jedoch einer Ergänzung: den Fokus auf das „Wie“. Durch den gezielten Einsatz von Feedbackrastern, die Reflexion individuell formulierter Lernziele sowie den begleitenden Feedbackdialog kann sich jede Schülerin und jeder Schüler – ausgehend vom jeweiligen persönlichen Leistungsstand – passgenau auf die Schulaufgabe vorbereiten. Die vorlegende Unterrichtseinheit zeigt auf, wie regelmäßige Feedbackschleifen die Lernenden dazu anregen, über die eigenen Kompetenzen zu reflektieren und sich darauf basierend immer wieder neue, überschaubare Ziele zu setzen.

Entscheidungen durch die Lehrkraft

Um das formative Feedback möglichst gewinnbringend zu gestalten, hat die Lehrkraft mehrere Entscheidungen zu treffen: Wie viele und welche Feedbackquellen werden mit aufgenommen? Auf welchen Ebenen findet es statt (Hattie)? Zu welchem Zeitpunkt wird es gegeben, und wie wird es in den Lernfortschritt einbezogen?

Damit Lehrkräfte für diese Feedbackschleifen ausreichend Zeit im Unterricht finden, empfiehlt es sich, während selbstgesteuerter Arbeitsphasen einzelne Schülerinnen und Schüler gezielt für Feedbackgespräche herauszunehmen, während die übrigen weiterarbeiten. Es ist dabei nicht zwingend erforderlich, dieses Angebot allen Lernenden zu machen; vielmehr kann es auch als freiwillige Unterstützung gestaltet werden. KI-gestütztes Feedback und Peer-Feedback kann von der Lehrperson zielgerichtet eingesetzt werden, um sich mehr Freiräume für Individualfeedback zu verschaffen.

Ablauf der Einheit

Das zugrunde liegende Prinzip besteht darin, dass Lernende auf Basis eines Kompetenzrasters individuelle und präzise definierte Lernziele formulieren. In einem weiteren Schritt werden diese Ziele mithilfe bereits bearbeiteter Übungen oder Texte vertieft analysiert und reflektiert. Ein Ziel kann dabei nur dann als konkret gelten, wenn es inhaltlich durchdrungen wurde. So setzt beispielsweise die gezielte Arbeit an der korrekten Anwendung einer grammatischen Struktur ein fundiertes Verständnis ihrer Funktionsweise und Verwendung voraus. Erst wenn dies sicher gestellt ist, können die Lernenden an dem Ziel arbeiten, um sich im Anschluss Feedback dazu einzuholen. Wurde nach einer anschließenden Reflexion das Ziel als erreicht eingestuft, kann ein neues Ziel vom Kompetenzraster in Visier genommen werden und die Feedbackschleife startet von vorne.

Dokumentation

Alle durchlaufenen Schritte, die individuell gesetzten Lernziele, sowie das erhaltene Feedback und die Feed-forward-Impulse werden dokumentiert. Diese Dokumentation dient als persönliches Portfolio, das über die einzelne Schulaufgabe hinaus Bestand hat. 

Die Dokumentation ermöglicht es den Lernenden gemeinsam mit den Lehrenden, nach der Schulaufgabe den eigenen Lernprozess noch einmal rückblickend zu reflektieren: 

  • „Welche Ziele habe ich bereits erreicht?“

  • „Wo zeigten sich wiederkehrende Schwierigkeiten?“

  • „Welche Strategien haben sich als besonders effektiv für meinen Lernfortschritt erwiesen?“

Damit wandelt sich die Schulaufgabe von einer einmaligen Prüfungssituation zu einer kontinuierlichen, selbstgesteuerten Lernentwicklung.

Aus der Praxis: Formatives Feedback im Rahmen der Vorbereitung auf die mündliche Schulaufgabe im Fremdsprachenunterricht

Oft sehen die Schülerinnen und Schüler eine mündliche Schulaufgabe als große Herausforderung, weil der Sprechanteil der einzelnen Lernenden im Unterricht erfahrungsgemäß zu kurz kommt, um sich in der mündlichen Sprachproduktion sicher zu fühlen. Eine enorme Chance ist hier die Arbeit mit Audios. Wenn alle Lernenden einen Monolog oder Dialog aufnehmen müssen, ist sichergestellt, dass alle das Sprechen üben. Um nun die Qualität der Audioaufnahme sukzessive zu steigern, sind die Schülerinnen und Schüler auf formatives Feedback angewiesen.

Festsetzen von Zielen

Als „Kriterienkatalog“ bei den Fremdsprachen wurden in dem Beispiel die vom ISB bereitgestellten Bewertungsraster zu den Kompetenzen verwendet.

Auswahl an Zielen aus bereitgestellten Bewertungsrastern

Die Schülerinnen und Schüler wählen insgesamt vier Lernziele aus einer von der Lehrkraft vorgegebenen Auswahl aus, an denen sie systematisch und nacheinander arbeiten. Diese werden in einer persönlichen „Zielscheibe“ visualisiert. Ziel ist es, dass die Zielscheibe am Ende vollständig farbig ausgefüllt ist – dies bedeutet, dass alle gewählten Zielkompetenzen beherrscht werden.

  1. Wähle ein erstes Ziel aus, an dem du arbeiten möchtest (siehe Liste).

  2. Schreibe auf die Kreislinien passende (richtige!) Beispiele dazu. Verwende für Ideen ggf. die bereitgestellte KI-gestützte Anwendung (Madame Audio).

  3. Höre deine eigene Audioaufnahme an und achte auf dein Ziel. Hole dir Feedback von Peers oder deiner Lehrkraft. Diese Person soll konkrete Beispiele (richtige und ggf. von dir falsch verwendete) zum entsprechenden Ziel notieren.

  4. Besprecht dein Ziel und färbt die Kreissegmente gelb, deren Beispiele du schon richtig verwenden kannst.

  5. Falls du bei Ziel 1 noch nicht viele gelbe Segmente hast, mach nochmals ein Audio zur Übung des gleichen Ziels (Hausaufgabe!!). Falls du mit Ziel 1 zufrieden bist, lege ein neues Ziel fest (wiederhole Schritte 1-5).

Eingesetzte Feedbackquellen

Die Lehrkraft kann den Einsatz mehrerer Feedbackquellen planen, um eine kontinuierliche Begleitung für alle Schülerinnen und Schüler in einem angemessenen Umfang zu ermöglichen:

  • KI-gestützte Chatbots können im Voraus helfen, bestimmte Dinge nochmals zu erklären und individuelle Ziele festzulegen.

  • Durch die Arbeit in Kleingruppen und das Besprechen individueller Ziele wird das gegenseitige Peer-Feedback angeleitet.

  • Die dadurch gewonnene Zeit während der Unterrichtsstunde kann von der Lehrkraft für einzelne, persönliche Feedback-Gespräche genutzt werden, in welchen sie sich vertieft den Bedürfnissen der einzelnen Lernenden widmen kann.

  • Durch das Reflektieren der eigenen Ziele auf Aufgaben-, Prozess- und motivationaler Ebene wird systematisch weitergearbeitet.

  • Der Vorteil des Chatbots besteht zum einen darin, dass alle Lernenden gleichzeitig Input zu unterschiedlichen Lernzielen erhalten können, und zum anderen darin, dass Hemmschwellen abgebaut werden. So hat die Lehrkraft beispielsweise bereits mehrfach erklärt, wie die Endungen der Verben im Französischen ausgesprochen werden – dennoch trauen sich einige Schülerinnen und Schüler möglicherweise nicht, diese Frage erneut zu stellen.

  • An den Chatbot hingegen wenden sie sich ohne Zurückhaltung – und so können auf metakognitiver Ebene bestimmte Dinge nochmal erklärt werden, worauf die Schülerinnen und Schüler achten sollen.

  • Nach der Unterhaltung mit den Chatbots geht es in Kleingruppen. Dort tauschen sich die Lernenden zu den gerade konkretisierten, individuellen Lernzielen aus und erklären diese nochmals gegenseitig. Dabei sollen sie sich konkrete Beispiele notieren, auf die sie gerne bei der nächsten Audio-Aufnahme achten möchten. Im Anschluss nehmen sie ein Audio auf und hören sich dieses gezielt nochmal an. Dabei achten sie auf die festgelegten Ziele und geben sich gegenseitig Feedback dazu. Im Idealfall nehmen sie das Audio erneut auf und konzentrieren sich abermals auf die Ziele.

  • Die bisherigen Notizen aus der Arbeit mit der KI und den Peers dienen als Grundlage für die anschließenden persönlichen Feedbackgespräche mit der Lehrkraft. Diese Feedback-Gespräche können erfolgen, während die restliche Klasse weitere Audios zur Übung aufnimmt – oder alternativ asynchron auf digitalem Wege (schriftlich in der Lernplattform oder als Audio-Kommentar).

  • Die Schülerinnen und Schüler markieren in ihrer Zielscheibe die Beispiele, deren Umsetzung ihnen bereits gut gelungen ist und legen für die Weiterarbeit neue Ziele fest. Für deren Konkretisierung nehmen sie ggf. wieder den KI-gestützten Chatbot zur Hilfe. Die Feedback-Schleife startet von vorne. Das Ziel ist, dass am Ende möglichst viele Bereiche der Zielscheibe farbig markiert sind.

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