Bericht eines Schulpsychologen
Das erste Gespräch findet auf Initiative der Mutter statt. Die Mutter schildert Kai – er ist 11 Jahre alt und besucht die 6. Klasse eines Gymnasiums – als freundlichen, kommunikativen, anständigen und leistungsmäßig guten Schüler. Das Problem seien vor allem zwei Mitschüler, mit denen Kai sich im letzten Schuljahr überworfen hat. Seit dieser Zeit würde er von den beiden gemobbt.
Fast jeden Tag, so sagt Kai im Gespräch, sei etwas geschehen. Er sei vor den anderen in der Klasse lächerlich gemacht worden, sei geschubst, beschimpft und beleidigt worden. Auf seinem Platz – zum Teil sogar in seine Hefte geschmiert – habe er entstellende Zeichnungen gefunden. Seine Sachen wurden beschädigt oder seien verschwunden, der Zugang zum Schülerschrank wurde ihm verwehrt. Über das unmittelbare Geschehen in der Klasse hinaus gab und gebe es Belästigungen durch Anrufe und Nachrichten auf sein Handy.
Ende des letzten Schuljahres sei in einem gängigen sozialen Netzwerk im Internet ein Profil von Kai als Mädchen mit einem beleidigenden Namenszusatz erschienen, später wurde ein Bild mit zwei sich küssenden männlichen Schaufensterpuppen hinzugefügt. Von diesem Profil aus wurden beleidigende, „sexualgeladene“ Nachrichten an Klassenkameraden verschickt, so dass der Verdacht auf ihn gefallen sei. Wie er von einer Klassenkameradin erfahren habe, sei auch im Chatroom über ihn hergezogen worden. Kai konnte weder zurückverfolgen, wer das Profil angelegt hatte, noch wer im Chatroom gegen ihn aktiv geworden war. Vor allem diese Anonymisierung stelle für ihn eine große Belastung dar. Auch eine Löschung des Profils sei nicht ohne Probleme möglich, da es nicht von ihm selbst erstellt worden sei. Er werde in der Klasse vor allem von den Jungen mehr und mehr zurückgewiesen, die Mädchen hielten sich eher raus.
Eigentlich sei er jetzt ziemlich allein, er wüsste auch gar nicht, wem er sich noch anschließen könnte. Der Versuch von Kais Eltern, durch Gespräche mit den Eltern der anderen Jungen eine „friedliche Lösung“ herbeizuführen, ist laut Angaben der Mutter gescheitert. Auch Gespräche mit den beiden Jungen in der Schule hätten nur vorübergehend eine Beruhigung ergeben. Das Anliegen von Mutter und Kai, die beide hilflos und verzweifelt wirken, ist, dass der Junge endlich in Ruhe gelassen wird und sich wieder auf andere Dinge, zumal das Lernen, konzentrieren kann.
Klärung der Situation
Gespräch mit den Mobbern
Schulleiterin und Schulpsychologe führen gemeinsam ein Gespräch mit den Akteuren. Den Schülern wird deutlich gemacht, dass gegenseitige Provokation und Mobbing in keiner Form geduldet werden. Für den künftigen Umgang miteinander werden die Vorschläge der Beteiligten berücksichtigt. Da sie sich einsichtig und kooperativ zeigten, wird auf Ordnungsmaßnahmen verzichtet, allerdings werden solche für den Fall neuer Vorkommnisse in Aussicht gestellt. In den folgenden 10 Wochen werden keine Verstöße gegen die verabredeten Regeln bekannt.
Einschalten der Polizei
Auf Anraten der Schule erstattet die Familie bezüglich des Cybermobbings Anzeige bei der Polizei. Diese führt eine Befragung der Schüler durch, die auf die Mitschülerinnen und Mitschüler beeindruckend wirkt, und kann in diesem Fall die Löschung der Seiten bewirken.
Nachbetreuung durch den Schulpsychologen
Zur Stabilisierung des Betroffenen führt der Schulpsychologe in den folgenden Monaten regelmäßig Gespräche mit Kai.