Zu Inhalt springen Zu Fußbereich springen

Lernplattform gesucht?
Hier geht's zu allen Anwendungen!

Selbstinszenierung im Netz | Basisbeitrag

Eine der zentralen Entwicklungsaufgaben für Jugendliche ist die Ausformung einer eigenen Identität. Sie werden sich darüber bewusst, wer sie sind oder wer sie sein wollen. Jugendliche probieren diese neuen Identitätsoptionen zunehmend außerhalb der familiären Bezugsgruppe aus. Um über diesen Prozess Rückmeldung von ihrer jeweiligen Peergruppe zu erhalten, inszenieren sie sich selbst und stellen damit ihre Persönlichkeit nach außen hin dar – analog wie digital (vgl. Brüggen und Hartung, 2007).

Das Thema im Fokus beleuchtet wesentliche Aspekte des Phänomens „Selbstinszenierung im Netz“. Damit soll Lehrkräften das nötige Hintergrundwissen, aber auch Unterrichtsmaterialien an die Hand gegeben werden, um die Thematik im Unterricht behandeln zu können. Ziel ist es, Schülerinnen und Schüler zu einem reflektierten Umgang mit der Darstellung ihrer Persönlichkeit zu befähigen.

Hinweis

Unterrichtsbeispiele für die Pirmar- und Sekundarstufe finden Sie unter folgenden Links:

Warum ist Selbstinszenierung im Netz ein Thema für die Schule?

Auch im Jahr 2021 dominieren Smartphone und Internet den Alltag Jugendlicher. 96 % der 12- bis 19-Jährigen besitzen ein eigenes Smartphone, welches einen unverzichtbaren Bestandteil zur sozialen Teilhabe und damit zur Selbstdarstellung außerhalb unmittelbarer physischer Bezugsfelder wie Schule oder Freizeitaktivitäten darstellt (vgl. JIM-Studie, 2021).

Aufgrund der Omnipräsenz digitaler Medien verschwimmen für Jugendliche die Grenzen zwischen analoger und digitaler Lebenswelt zunehmend. Beide nehmen damit für die Darstellung und Ausgestaltung ihrer Persönlichkeit einen ähnlich hohen Stellenwert ein (vgl. klicksafe, 2020). Die Ergebnisse der JIM-Studie geben hier einen aktuellen Einblick: 2021 ist bspw. für knapp ein Drittel der Kinder und Jugendlichen persönliche und digitale Kommunikation gleichbedeutend (vgl. JIM-Studie, 2021). Im Vergleich zu vorhergehenden Generationen von Heranwachsenden findet die Inszenierung des Selbst heute zudem nahezu ständig statt. Sie ist keine Ausnahme, sondern ein regulärer Bestandsteil des Alltags Heranwachsender. Jugendliche verspüren daher mitunter den Druck, immer erreichbar zu sein, fortwährend Inhalte zu konsumieren und selbst kontinuierlich andere durch Posts auf verschiedenen Plattformen an ihrem (virtuellen) Leben teilhaben zu lassen.

WhatsApp, YouTube, Instagram, TikTok, Snapchat, Facebook, Discord, Pinterest, Twitch, Twitter und eigene Webseiten sind aktuell die meistgenutzten „Orte“, an denen jugendliche Selbstinszenierung stattfindet. Die Möglichkeiten der Plattformen und Apps unterliegen jedoch einem steten Wandel und folgen schnelllebigen Trends.

Neben der zeitlichen Vereinnahmung durch die beständige Selbstinszenierung stehen Jugendliche vor der Herausforderung, ihr Selbstbild auf der analogen wie der digitalen Bühne möglichst kongruent präsentieren zu müssen, um Bestätigung und Anerkennung von ihrer Peergroup zu erhalten. Damit ihre Selbstinszenierung möglichst positiv von Gleichaltrigen wahrgenommen wird, orientieren sich Heranwachsende oftmals stark an Influencerinnen und Influencern als Rollenvorbilder (vgl. Verbraucherzentrale Bundesverband, 2019).

Mitunter bleibt für Jugendliche auch die durch die Selbstinszenierung erhoffte Anerkennung aus oder sie erfahren gar Ablehnung. Der Versuch, die eigene Identität im Netz auszuformen und zu inszenieren, kann demnach eine willkommene Angriffsfläche für abschätzige Kommentare, Beleidigungen oder gar Cybermobbing bieten. Darüber hinaus ergeben sich bei der Selbstinszenierung im Netz weitere Problemfelder und damit verbundenes Gefährdungspotential wie Cybergrooming, sexualisierte Selbstdarstellung, Selbstoptimierungswahn und Essstörungen (vgl. kicksafe, 2020.)

Die heutige Jugend sieht sich zudem mit Herausforderungen und Problemen konfrontiert, die für vorhergehende Generationen noch keine wesentliche Rolle spielten. Diese Entwicklung umfasst unter anderem juristische Aspekte, wie Datenschutzprobleme oder Urheberrechtsverletzungen, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und die Post-Privacy-Problematik („Das Internet vergisst nicht“).

Die Schule hat demnach die Aufgabe, Lernende für diese Risiken zu sensibilisieren. Gleichzeitig sollten Lehrkräfte Jugendliche beim Erwerb notwendiger Kompetenzen unterstützen, damit diese ihre digitale Identität ausgestalten und angemessen im Netz inszenieren können. Insofern erscheint es u. a. wichtig, dass die Heranwachsenden verschiedene Stile und Praktiken der (digitalen) Selbstinszenierung kennenlernen, um ein gesundes und positives Selbstbild zu entwickeln und dieses adäquat präsentieren zu können.

Selbstdarstellung / Selbstinszenierung – Begriffsklärung

Unter Selbstdarstellung versteht man „[…] die möglichst vorteilhafte, absichtsvolle Darstellung seiner Persönlichkeit und Eigenschaften gegenüber anderen Personen oder einem Publikum, dem zugrunde liegt, das Publikum zu verstehen und sich dementsprechend zu verhalten.“ (Spektrum, Selbstdarstellung)

Der Begriff der Selbstdarstellung und die damit verbundene Strategie der Selbstinszenierung wurden in wissenschaftlicher Hinsicht durch die Arbeiten von Erving Goffmann geprägt. In seinem Werk zur Selbstdarstellung im Alltag The Presentation of Self in Everyday Life von 1959 ergründete er aus soziologischer Perspektive, wie Individuen versuchen, Interaktionspartnern Informationen über sich selbst zu vermitteln und wie diese wiederum die Einschätzung und die daraus resultierenden Erwartungen des Gegenübers beeinflussen (vgl. Zillmann, 2016, S. 41 f.).

„Selbstdarstellung ist daher nicht etwa, wie sie so oft missverstanden worden ist und noch wird, die bewusste Vorspiegelung falscher Tatsachen, sondern ein Habitus zur Aufrechterhaltung ausdrucksvoller Identifizierbarkeit, die einer Person mal besser, mal weniger gut gelingt und auf erneutes 'Proben' angewiesen ist.“ (Goffman, 1974, S. 288)

Dieser Ansatz wurde in der deutschen Sozialpsychologie vor allem durch Hans Dieter Mummendey aufgegriffen und weiterentwickelt. In seiner Arbeit Psychologie der Selbstdarstellung begreift er die Selbstdarstellung als Inszenierungsstrategie, mit der wir versuchen, den Eindruck, den wir auf andere Personen machen, zu steuern, zu beeinflussen und damit letztlich zu kontrollieren (vgl. Rhein, 2015, S. 30).

„Es läßt sich feststellen, daß Selbstdarstellung in fast jeder sozialen Situation eine Rolle spielt und daß fast jedes menschliche Verhalten immer auch unter dem Gesichtspunkt der Selbstdarstellung aufgefaßt und interpretiert werden kann. [...] Man kann sich nicht nicht selbst darstellen bzw. man kann andere nicht davon abhalten, Verhalten zu interpretieren.“ (Mummendey, 1995, S. 15)

© istock.com/SurfUp Vector

Beiträge zum Thema

Das Phänomen Selbstinszenierung im Wandel der Zeit

In der Elterngeneration und unter Lehrkräften stoßen Jugendliche mit ihrem Wunsch nach Selbstinszenierung im Netz oftmals auf Unverständnis. Ein häufiger Vorwurf lautet, die heutige Jugend sei oberflächlich, vollkommen selbstbezogen und kapsele sich in einer digitalen Parallelwelt ab.

Neben dem Umstand, dass auch Erwachsene soziale Medien zur Selbstinszenierung nutzen, wird dabei oft verkannt, dass die Lust an der Darstellung der eigenen Person eine menschheitsgeschichtliche Grundkomponente darstellt. Die heutigen Jugendlichen sind demnach keine besonders narzisstische Ausnahme, sondern stellen eher die Regel dar – wenn auch mit neuen Mitteln. Nach Ansicht der Soziologin Sherry Turkle ist dies nur logisch, da man sich für die Identitätsarbeit stets des Materials bediene, das zur Verfügung stehe (vgl. Schachtner, 2018, S. 7 f.).

Gerade das Selbstportrait nahm und nimmt im Prozess der Inszenierung des eigenen Ichs eine Sonderstellung ein. Hier lässt sich eine Entwicklungslinie ziehen, die von der Portraitkunst der griechische Antike über die Ölmalereien der Renaissance, die Erfindung der Fotografie bis zum heutigen Selfie reicht. Der Grundimpuls, sich dem Zielpublikum bestmöglich zu präsentieren und damit dessen Anerkennung zu gewinnen, stellt dabei früher wie heute oft die zentrale Motivation der Inszenierung dar (vgl. Kunstnürnberg Redaktion, 2019).

Ähnlich der Demokratisierung des öffentlichen Diskurses durch die sozialen Medien mit all ihren positiven wie negativen Auswirkungen ist diese Form der Selbstdarstellung heute keiner ausgewählten Elite mehr vorbehalten. Im Netz kann sich nun jede und jeder unabhängig vom sozialen Status durch Selfies oder andere Alltagseindrücke einer ausgewählten Bezugsgruppe so präsentieren, wie sie oder er es für die eigenen Bedürfnisse als zielführend erachtet. Während dafür früher die Eliten eigene Hofmaler, teure Stoffe und eindrucksvolle Bauten zur standesgerechten Repräsentation einsetzten, benötigt die heutige Mediengeneration nur noch ein Smartphone mit entsprechenden Filteroptionen, frei nach dem Motto: „Ich poste, also bin ich.“ (Süddeutsche Zeitung, 2011)

Displeased king with hands on his belt.
© istock.com/Sergei Krestinin

Hinweis

Kreativ lernend Europa entdecken und mitgestalten – das ist das Ziel des Europäischen Wettbewerbs, der 2021/2022 zum 69. Mal stattfindet. Von der ersten Klasse bis zum Abitur sind alle Schülerinnen und Schüler eingeladen, zu aktuellen europäischen Themen kreative Beiträge einzureichen.

Jugendliche Bedürfnisse im Kontext der Selbstinszenierung

Trotz des momentan etwas geringeren Stellenwerts der Selbstinszenierung im Netz sollten sich Lehrkräfte und Eltern die Frage stellen, welche Bedürfnisse hinter dieser Form der medial vermittelten Darstellung stehen. Durch ihre Posts und Kommentare versuchen die Heranwachsenden Facetten ihrer sich ausprägenden Persönlichkeit darzustellen und damit Aufmerksamkeit für ihre Interessen, Meinungen und Gefühle zu erzeugen. Dabei hoffen sie natürlich in erster Linie auf Anerkennung und Bestätigung durch ihre Peergroup. Diese zeigt sich zum einen quantitativ durch die Anzahl der Likes sowie qualitativ durch besonders ermunternde oder wertschätzende Kommentare. Somit können Jugendliche im besten Fall auch bestehende Unsicherheiten, die sie durch die Ablösung vom Elternhaus und die damit verbundene pubertäre Umbruchsphase erleben, erfolgreich bewältigen (vgl. Webhelm, Mediale Selbstdarstellung) .

Neben der Selbstdarstellung in ihrer direkten, physischen Umwelt verfügen Jugendliche durch die Selbstinszenierung in sozialen Netzwerken über die Möglichkeit, den elementaren Prozess der Persönlichkeitsentwicklung ihren Bedürfnissen entsprechend auszugestalten und zu akzentuieren. Darüber hinaus können sie auf diesem Wege alternative Identitätsmodelle austesten, die sich nicht aus ihrer unmittelbaren Lebensrealität ergeben. Die subjektiv als kongruent empfundene Darstellung ihres Selbst gegenüber einem ausgewählten Zielpublikum ist dabei deshalb so bedeutend, weil sich die Jugendlichen in bereits bestehenden oder noch zu etablierenden Beziehungen als individuelle Persönlichkeiten erleben können. So ergründen die Heranwachsenden, wie sie Interaktionspartnern Informationen über sich selbst vermitteln und wie diese wiederum die Einschätzung und die daraus resultierenden Erwartungen des Gegenübers beeinflussen (vgl. Brüggen und Hartung, 2007). Damit erhalten Jugendliche eine weitere Bühne, um eine ihrer zentralen Entwicklungsaufgaben, nämlich die Entwicklung von Selbstbewusstsein und Identität, zu erproben und zu bewältigen. (vgl. klicksafe, 2020)

Letztlich finden die Identitätsentwicklung von Jugendlichen und die damit verbundenen Formen der Selbstinszenierung nicht in voneinander isolierten Sphären statt. Die Darstellung auf digitalen Plattformen und der direkte Austausch mit der jeweiligen analogen Lebensumwelt in den betreffenden Sozialisationsinstanzen wie Familie oder Peergroup tragen in gegenseitiger Wechselwirkung zur Ausformung von Persönlichkeit bei (vgl. Webhelm, Mediale Selbstdarstellung).

Hinweis

Zahlen und Fakten zur Lebenswelt von Jugendlichen finden Sie in der Shell Jugendstudie!

Literatur

Brüggen, Niels und Hartung, Anja (2007): Selbstinszenierung Jugendlicher in (virtuellen) Kontaktbörsen, in: Neuß, Norbert und Große-Loheide, Mike (Hrsg.): Körper. Kult. Medien. Inszenierungen im Alltag und in der Medienbildung. Schriften zur Medienpädagogik 40. Bielefeld 2007, S. 143-152. Zugriff am 06.02.2022. Verfügbar unter: https://silo.tips/download/selbstinszenierung-jugendlicher-in-virtuellen-kontaktbrsen

Goffman, Erving (1974): Frame-Analysis. An Essay on the Organization of Experience. New York, Harper & Row. Zugriff am 06.02.2022. Verfügbar unter: https://urup.or.id/wp-content/uploads/2020/07/
Erving_Goffman_Bennett_Berger_Frame_Analysis_BookFi.pdf

klicksafe (2020): Selfies, Sexting, Selbstdarstellung. Arbeitsmaterial für den Unterricht – Heft III, März 2020. Zugriff am 06.02.2022. Verfügbar unter: https://www.medienanstalt-nrw.de/publikationen/selfies-sexting-selbstdarstellung-1.html

Kunstnürnberg Redaktion (2019): Das Portrait in der Malerei – von der Antike bis heute. Zugriff am 06.02.2022. Verfügbar unter: https://kunstnuernberg.de/portraitmalerei-von-der-antike-bis-heute/

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: JIM-Studie 2021. Zugriff am 06.02.2022. Verfügbar unter: https://www.mpfs.de/studien/jim-studie/2021/

Mummendey, Hans Dieter (1995): Psychologie der Selbstdarstellung, Göttingen, Hogrefe.

Rhein, Lisa (2015): Selbstdarstellung in der Wissenschaft. Eine linguistische Untersuchung zum Diskussionsverhalten von Wissenschaftlern in interdisziplinaeren Kontexten. Peter Lang, Bern. Zugriff am 06.02.2022. Verfügbar unter: https://library.oapen.org/handle/20.500.12657/27260

Schachtner, Christina (2018): Zeitgenössische Selbstinszenierungen im Zeichen digitaler Medien. Das Ringen um Anerkennung, in: Medienimpulse H. 1. Zugriff am 06.02.2022. Verfügbar unter: http://medienimpulse.at/articles/view/1172

Spektrum. Lexikon der Psychologie: Selbstdarstellung. Zugriff am 06.02.2022. Verfügbar unter: https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/selbstdarstellung/13885%20/

Süddeutsche Zeitung. 29.08.2011. Zugriff am 06.02.2022. Verfügbar unter: https://www.sueddeutsche.de/digital/us-soziologin-sherry-turkle-ueber-das-digitale-zeitalter-ich-poste-also-bin-ich-1.1133783-2

Verbraucherzentrale Bundesverband (2019): Die Macht der Bilder: Selbstinszenierung Jugendlicher im Internet. Selbstfindung zwischen Filtern, Likes und Influencern. Selbstfindung zwischen Filtern, Likes und Influencern. Zugriff am 06.02.2022. Verfügbar unter: https://www.verbraucherbildung.de/meldung/die-macht-der-bilder-selbstinszenierung-jugendlicher-im-internet

Webhelm (JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis): Mediale Selbstdarstellung. Zugriff am 06.02.2022. Verfügbar unter: https://webhelm.de/mediale-selbstdarstellung/

Zillmann, Doreen (2016): Theoretische Überlegungen zur Selbstdarstellung, in: Von kleinen Lügen und kurzen Beinen. Springer VS, Wiesbaden. Zugriff am 06.02.2022. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1007/978-3-658-13881-3_3

aufgeschlagenes Buch
© istock.com/JuliarStudio

Redaktion

  • Thema im Fokus Selbstinszenierung im Netz (Mai 2022)

  • Redaktionelle Leitung
    Referat Medienerziehung am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München (ISB)

  • Beiträge
    Referat Medienerziehung (ISB) und Arbeitskreis „mebis Redakteure“

  • Beitragende
    Markus Teubner (ISB)
    Christof Anolick (AK)
    Matthias Bergbauer (AK)
    Claudia Haese-Werner (AK)
    Nikolaus Schenke (AK)
    Sebastian Schnurrenberger (AK)

Weitere Beiträge

Alle ansehen (9)

Digitale Orte der Selbstinszenierung

Der Beitrag beleuchtet das Nutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen, stellt Nutzertypologien vor und gibt einen Überblick über die unter Jugendlichen beliebtesten Plattformen und Apps.

Zu Seitenstart springen